St. Agnes  in Großbritannien und Nordirland

 

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Unser Ringen um den Schüleraustausch
nach Großbritannien und Nordirland

Es wird aus verschiedenen Gründen immer schwieriger, einen Schüleraustausch nach Großbritannien für unsere Schülerinnen zu ermöglichen.

Es ist kein Geheimnis, dass Fremdsprachen schon immer ein Stiefkind im britischen Lehrplan waren, sei es wegen dem mangelnden Interesse am europäischen Geschehen, oder wegen der Erfahrung, dass man als Brite fast überall in der Welt mit Englisch durchkommt. 2004 geschah dann das Unfassliche. Die Blair Regierung ordnete an, dass eine Fremdsprache zu lernen in der weiterführenden Schule fortan freiwillig sei.

Seitdem befinden sich Anmeldungen für die nationale Abschlussprüfung GCSE (verpflichtend für alle Schüler am Ende von Klasse 11 in 8-9 Fächern) im freien Fall. Im gesamten (!) Vereinigten Königreich haben 2005 nur 272.140 Schüler die GCSE Prüfung in Französisch abgelegt, und nur 90.311 im Fach Deutsch.

Diese Entwicklung hat St. Agnes in sehr konkreter Weise getroffen. Unsere Partnerschule New Hall, mit der wir über viele Jahre einen gelungenen Schüleraustausch pflegten, lässt Deutsch auslaufen. Die Vollzeitkraft für Deutsch, die in Pension ging, wurde nicht ersetzt.

Zur zahlenmäßig ungünstigen Ausgangssituation kommen weitere Erschwernisse hinzu. Die Auflagen für britische Kollegen, die einen Austausch organisieren, sind so groß, dass viele davor zurückschrecken, überhaupt einen Austausch durchzuführen. Um eventuelle Prozesse von (inzwischen prozessfreudigen) britischen Eltern zu vermeiden, müssen sie im voraus einen Papierkrieg sondergleichen führen und aufwendige Risikoeinschätzungen für jede Stunde des Aufenthalts formulieren. Was könnte schief gehen und was hat man getan, damit es nicht passiert? Im Falle eines Unfalls muss der Lehrer abgesichert sein. Die Missbrauchshysterie im Vereinigten Königreich schreckt weitere Schulen vom Konzept des Austauschs in Familien ab, oder veranlasst sie von der deutschen Schule sogar ein polizeiliches Führungszeugnis der Gasteltern einzufordern. Manche Schulen sind daher dazu übergegangen, Auslandsreisen mit Hotelaufenthalt ganz von Reiseveranstaltern durchführen zu lassen, auch wenn die Kosten für die teilnehmenden Kinder dadurch sehr viel höher sind.

Weil britische Lehrer sehr selten länger als zehn Jahre an einer Schule bleiben, verliert man außerdem sehr leicht die Bezugsperson in der Partnerschule. In den letzten zehn Jahren hatten wir in New Hall drei verschiedene Deutschfachkräfte als Gegenüber.

Nach dem Wegfall von New Hall bleibt uns der lebendige Austausch mit Babington House School, Chislehurst, eine kleine Privatschule für Mädchen bis 16 im Großraum London. Mit der sehr engagierten deutschstämmigen Kollegin haben wir großes Glück. Allerdings sind die Klassen nicht sehr groß, sodass wir immer nur kleine Schülergruppen mitnehmen können. Für die Oberstufe haben wir seit fünf Jahren den regelmäßigen Austausch mit dem renommierten Methodist College in Belfast, das leider schon eine bayrische Schule als Austauschpartner für die Mittelstufe hat. Auch hier haben wir eine sehr engagierte Kollegin als Gegenüber.
Seit vier Jahren pflegen wir außerdem Brieffreundschaften mit dem Mädchengymnasium Bloomfield Collegiate in Belfast.

Im Gegensatz zu den Gesamtschulen auf dem Festland, in denen übrigens auch das Fach Latein fast ganz ausgestorben ist, werden im eher traditionellen nordirischen Schulsystem, in dem es noch fast flächendeckend Gymnasien und Realschulen gibt, Fremdsprachen noch als wichtig erachtet. Seit dem Friedensabkommen 1998 kommt die Provinz immer mehr zur Ruhe, Tourismus und Wirtschaft boomen. Darum haben wir beschlossen, uns verstärkt um die Marktlücke Nordirland zu bemühen.

Als die Organisation des Gegenbesuches des Oberstufenaustausches mit Methodist College im Oktober anstand, haben wir uns entschieden, durch eine Erweiterung des Kulturprogramms, das ohnehin für die 8 Oberstufenschülerinnen organisiert werden musste, einen größeren Kreis von Schülerinnen davon profitieren zu lassen und gleichzeitig die Beziehungen zur Bloomfield Collegiate School zu vertiefen. So haben wir 25 Schülerinnen der Klassenstufen 8 und 10, die ihren Brieffreundinnen in Bloomfield die Treue hielten, mit nach Nordirland genommen. Beim Kulturprogramm und bei Begegnungen in Bloomfield, Methodist College und mit der Royal School, Armagh gab es reichlich Möglichkeiten Englisch zu sprechen. Während die Oberstufe in ihren Austauschfamilien untergebracht war, waren wir mit den Jüngeren in der Jugendherberge.

Wichtig war es uns, dass alle Schülerinnen bei dem Aufenthalt Zugänge zu Nordirland über Geographie, Geschichte, Politik, Religion, Kultur und Gesellschaft bekommen. Die Stadtrundfahrt in Belfast vermittelte Einsichten in die jüngste Vergangenheit und erlaubte Besichtigungen von republikanischen und königstreuen Gebieten entlang der Friedensmauer, wo es vor zwei Jahren noch gefährlich gewesen wäre auszusteigen. Zu Fuß erkundeten wir die mit Leben pulsierende Innenstadt und das erneuerte Hafengebiet. Wir konnten sehen, wie seit dem Friedensprozess nun mit viel Glas gebaut werden kann und wie das Hafengebiet, in dem einst die Titanic gebaut wurde, für Touristen allmählich wieder mit Leben gefüllt wird.
Bei einer Führung durch das prunkvolle Rathaus durften einige Schülerinnen im Sitzungssaal in historische Ratsgewänder schlüpfen.
Da im Moment entscheidende Verhandlungen zur Wiedereröffnung des Regionalparlaments, Stormont, laufen, war unsere Führung dort besonders spannend. Der pädagogische Dienst des Parlaments hat es verstanden, die höchst komplizierte Materie des Nordirlandkonflikts und des Friedensprozesses leicht verständlich und kurzweilig zu vermitteln und hat für unsere Bedürfnisse und Sprachkenntnisse eine eigens zugeschnittene Präsentation erstellt. Wir durften sogar im Plenarsaal auf den Plätzen der berühmten Parteigrößen sitzend eine Minidebatte führen und wie die Abgeordneten abstimmen.
In Armagh, der historischen Hauptstadt Irlands, wo der heilige Patrick einst die erste Steinkirche Irlands errichtete, wurden wir von der Royal School, wo bereits zwei Agnes Schülerinnen drei Monate im Internat waren, einen Tag lang auf Händen getragen. Nach Besichtigung der anglikanischen und römisch-katholischen Kathedralen wurden wir vom Bürgermeister empfangen, der uns das Stadtwappen überreichte, und zu einem leckeren Büffet in den getäfelten Räumen des historischen Rathauses einlud. Auch die Presse war zugegen. Den Nachmittag verbrachten wir an der Schule, unter anderem beim Freundschaftsvolleyballspiel in der Turnhalle, das weitere Anlässe für Begegnungen bot.
Zwei Mal waren wir in der Bloomfield Schule zu Gast. Beim zweiten Besuch bekam jede Schülerin für den ganzen Schultag eine Begleiterin, meistens die Brieffreundin, die man nun endlich kennen gelernt hatte. Es hat uns besonders gefreut, dass einige von ihnen sich am Wochenende spontan bei unserem Programm eingeklinkt haben und in großer Zahl zum Abschlusspizzaessen erschienen sind. Einige dieser Mädchen werden im Frühling Süddeutschland besuchen, aber leider nur kurze Zeit in Stuttgart verbringen können.


In Methodist College, nahe der Queen’s University, dessen Internat inzwischen 5 Agnesschülerinnen in den letzten Jahren drei bis sechs Monate lang besucht haben, durften wir im Hogwarts-ähnlichen Speisesaal dinieren, deutsche Gastschülerinnen. ausgiebig zu ihrem Alltag interviewen und am lebhaften Gottesdienst für Internatsschüler zum Wochenbeginn teilnehmen.

Beim Tagesausflug an die idyllische Antrim Küste, von der man die Berge Schottlands gut sehen kann, waren unsere Themen Geologie (Basaltsäulenlandschaft des Giant’s Causeway), Sport (Schwindel erregende Hängebrücke Carrick-a-Rede im Eiltempo überqueren), einheimische Industrie (Besichtigung der Bushmills Whiskey Distillery mit Kostprobe für die Volljährigen) und Versöhnungsarbeit (Besuch in der Corrymeela Community, die seit den Unruhen Workshops für Katholiken und Protestanten durchführt).

In Historisches konnten wir beim Besuch des nordirischen Freiluftmuseums, der prähistorischen Grabanlagen in Newgrange und Knowth, die älter als die Pyramiden und Stonehenge sind, der keltischen Hochkreuze in Monasterboice, und bei der Besichtigung der weltberühmten illuminierten Evangelien, Book of Kells, aus dem 8. Jahrhundert in der Trinity College, Dublin vertiefen.

Den Ausklang bildete eine stimmungsvolle Folk Music and Dance Vorstellung mit leckerem „Dinner“ am letzten Abend.
Nach zehn Tagen waren wir dankbar, 33 sichtlich zufriedene Schülerinnen gesund und munter rechtzeitig für die Herbstferien in Stuttgart ihren Eltern wieder übergeben zu können.

Möglicherweise wird diese Form des Sprachaufenthaltes, der den Einschränkungen der britischen Schulen zum Trotz Begegnung und intensiven Kontakt mit der Sprache möglich macht, zukunftsweisend sein. Allerdings bedeutet ein solches Unternehmen im Vergleich zum konventionellen Austausch durch die Rund-um-die-Uhr-Betreuung im Ausland eine starke Zusatzbelastung für die teilnehmenden Kollegen und natürlich die Erarbeitung von Arbeitsaufträgen für die Klassen, die man zu Hause gelassen hat. Aber alles hat seinen Preis, und wir sind der Meinung, dass sich der Aufwand lohnt.

Roswitha Pfleiderer, Barbara Thomas

 

 

 

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